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Sterben

Ist eine Kunst, wie alles.

Ich kann es besonders schön

 

Ich kann es so, dass es die Hölle ist, es zu sehn.

Ich kann es so, dass man wirklich fühlt, es ist echt.

Sie können, glaube ich, sagen, ich bin berufen zu diesem Ziele. 

Sylvia Plath


The woman is perfected.

Her dead

 

Body wears the smile of accomplishment,

The illusion of a Greek necessity

 

Flows in the scrolls of her toga,

Her bare

 

Feet seem to be saying:

We have come so far, it is over.

 

Each dead child coiled, a white serpent,

One at each little

 

Pitcher of milk, now empty.

She has folded

 

Them back into her body as petals

Of a rose close when the garden

 

Stiffens and odours bleed

From the sweet, deep throats of the night flowers.

 

The moon has nothing to be sad about,

Staring from her hood of bone.

 

She is used to this sort of thing.

Her blacks crackle and drag.

 

Die Frau ist vollendet.

Ihr toter

 

Körper tragt das Lacheln des Erreichten.

Der Anschein einer griechischen Notwendigkeit

 

Fliesst in den Schnörkeln ihrer Toga

Ihre blossen

 

Füsse scheinen zu sagen: Wir kamen bis

Hierher, es ist vorbei.

 

Jedes tote Kind eingerollt, eine weisse Schlange,

Eines um jeden kleinen

 

Milchkrug, nun leer.

Sie hat sie gefaltet

 

Zurück in ihren Körper, wie Blätter einer

Rose sich schliessen wenn der Garten

 

Erstarrt und Düfte bluten

Aus den süssen tiefen Schlünden der Nachtblume.

 

Der Mond starrt aus seiner Knochenkapuze.

Er hat keinen Grund zur Trauer.

 

Er ist dergleichen gewohnt.

Seine schwarzen Hüllen knistern und schlurfen. 

Sylvia Plath


Nach grossem Schmerz kommt eine leere Stimmung auf -

Die Nerven ruhen feierlich wie Mausoleen-

Das starre Herz fragt, war das Er, das lästige Mensch,

Und war es gestern oder Jahrhunderte vorher?

 

Die Füsse gehn mechanisch im Kreis -

Füsse aus Erde oder Luft oder aus Nichts-

Auf einem stumpfen Pfad,

Gewachsen unbeachtet-

Zufriedenheit, kristallisch, wie ein Stein -

 

Das ist die Stunde der Erneuerung -

Unvergesslich, wenn überlebt

Wie fröstelnde Menschen sich des Schrecks erinnern-

Erst Kälte - dann Erstarrung - dann das Loslassen. 

Emily Dickinson


Der Tod der Weisen  

Auf dem Grab von Hafes gab es eine Rose,

Die täglich von neuem blühte mit blutender Farbe.

Nachts weinte die Nachtigall, bis es Morgen wurde,

Mit ihrer Melodie, die an das alte Schiras erinnert.

 

Der Tod ist das sorgenfreie Frühlingsland für jeden [Weisen.

Jahrelang schwebt seine Seele überall als Weihrauch.

Und auf seinem Grab unter kühlen Zypressen

Blüht jeden Morgen eine Rose, singt jede Nacht eine Nachtigall.  

Yahya Kemal Beyatli Übertragung: Yüksel Pazarkya


Ballade in der Stunde der Entmutigung (1920)  

I

Meine Jahre sind um und um.

Habe nichts gelernt, bin dumm.

Muß jetzt sterben, habe keine Religion

Bruder, gib mir Schnaps oder hilf mir davon?  

2

Wasch dir dein Gesicht, wenn dir die Hand befleckt!

Mußt halt bitten, daß Moder und Kalk es verdeckt!

Es wird alles verbraucht und abgenutzt allhie

Aber meine blatternhäutige Seele, wie versteck ich sie?  

3

So mich einer sieht in meinem Leichenhemd

Den bitte ich heut, daß er mir die Haare in die Augen kämmt

Er kann sich ja bekreuzen, doch wenn er erbleicht vor mir

So kann er erbleichen vor einem jeden Tier.  

Bertold Brecht


SONNET LXXXI  

Or I shall live your epitaph to make,

Or you survive when I in earth am rotten;

From hence your memory death cannot take,

Although in me each part will be forgotten.

Your name from hence immortal life shall have,

Though I, once gone, to all the world most die:

The earth can yield me but a common grave,

When you entombed in men's eyes shall lie.

Your monument shall be my gentle verse,

Which eyes not yet created shall o'er-read;

And tongues to be your being shall rehearse,

When all the breathers of this world are dead;

You shall live - such virtue hath my pen -

Where breath most breathes, even in the mouths of men.  

William Shakespeare

LXXXI. SONETT  

Entweder leb' ich, dir die Grabschrift zu ersinnen,

Oder du dauerst noch, wenn Moder mich verzehrt.

Dein Angedenken rafft kein Tod von hinnen,

Wenn auch von mir kein Lebender mehr hört.

Fortan unsterblich wird dein Name leben,

Wenn mich auf ewig Staub der Welt verbarg.

Mir kann die Erd' ein schlechtes Grab nur geben;

Du ruhst in Menschenaugen eingesargt.

Mein Freundesvers wird sein dein Monument,

Daß dich noch ungeborne Augen lesen

Und kommender Geschlechter Mund dich nennt,

Wenn alle Atmer dieser Welt verwesen.

So hält dich da, wo Odem nie versiegt,

Auf Menschenlippen atmend mein Gedicht.


Schillers Bestattung  

Ein ärmlich düster brennend Fackelpaar, das Sturm

Und Regen jeden Augenblick zu löschen droht.

Ein flatternd Bahrtuch. Ein gemeiner Tannensarg

Mit keinem Kranz, dem kargsten nicht, und kein Geleit!

Als brächte eilig einen Frevel man zu Grab.

Die Träger hasteten. Ein Unbekannter nur,

Von eines weiten Mantels kühnem Schwung umweht,

Schritt dieser Bahre nach. Der Menschheit Genius war's.  

Conrad Ferdinand Meyer


Totenlied für Klabund  

An Deine Bahre treten,

Klabund, in langer Reih,

Die Narren und Propheten,

Die Tiere und Poeten,

Und ich bin auch dabei.

 

Es kommen die Hamburger Mädchen

Samt Neger und Matros,

Wo werden sie jetzt ihre Pfundstück

Und all die Sorgen los?

 

Es kommen die englischen Fräuleins,

Wie Morcheln, ohne Kinn,

Wo sollen denn die Armen jetzt

Mit ihrer Unschuld hin?

 

Es kommt am Humpelstocke

Der Leierkastenmann

Und fängt aus tiefster Orgelbrust

Wie ein Hund zu heulen an.

 

Es kommt der Wilhelm Fränger,

Die Laute in der Hand,

Aus seinen Zirkusaugen rinnt

Statt Tränen blutiger Sand.

 

Es kommen alle Vögel

Und zwitschern ohne Ruh,

Sie decken Dich wie junge Brut

Mit flaumigen Federn zu.

 

Es kommt ein Handwerksbursche

mit rotem Augenlid,

Der kritzelt auf ein Telegramm-Formular

Dein schönstes Liebeslied.

 

Es kommt auf Beinen wie ein Reh

Ein dünner grauer Mann,

Der stellt die Himmelsleiter

Zu Deinen Füßen an.  

Carl Zuckmayer


Nachruf

Meinem lieben Freunde H. C. Bodmer

an seinem Todestage, dem 28.Mai 1956

 

O Freund, daß du so früh gegangen bist!

Kahl dorrt um mich der Raum, der Wald einst war.

Vergessener alter Baum, steh ich allein.

 

Dich kannten wenige, und keiner ganz.

Verborgen unter flotter Maske

Des Reiters, Zechers, Offiziers, Mäzens

Lebte dein Strahlendes, dein heimliches Königtum.

 

Und daß du hinter straffer Herrenmiene

Hingabe hegtest, Demut, Liebeskraft

Fürs Große, Heilige, war Freunden nur

Des innern Kreises kund, ein Wissen,

Das wir als kostbares Geheimnis bargen.

 

Leb wohl, du Stürmischer, Unbändiger!

Dein Bild bewahr ich treu, das ritterliche.

Und lang am kahlgeschlagenen Hang

Betracht ich die verödete Stelle,

Ob der sich deine Krone einst gewiegt.  

Hermann Hesse


Tristesse  

J'ai perdu ma force et ma vie,

et mes amis et ma gaîté;

J‘ai perdu jusqu'à la fierté

Qui faisait croire à mon génie.

 

Quand j'ai connu la Vérité,

J'ai cru que c'était une amie;

Quand je l'ai comprise et sentie,

J'en étais déjà dégoûté.

 

Et pourtant elle est éternelle,

Et ceux qui se sont passés d'elle

Ici-bas ont tout ignoré.

 

Dieu parle, il faut qu'on lui réponde.

Le seul bien qui me reste au monde

Est d'avoir quelquefois pleuré.  

Alfred de Musset

Trauer

Mein Leben, meine Kraft ist hin;

Mein Glück, die Freunde, mir erkoren,

Sogar den Stolz hab' ich verloren,

Der Welt zu zeigen, was ich bin.

 

Wie einer treuen Führerin

Hatt' ich der Wahrheit zugeschworen;

Seitdem sie Kinder mir geboren,

Ließ ich auch sie, gesättigt, ziehn.

 

Doch Keiner, der sie je besessen,

Die ewig jung, wird sie vergessen,

Da er durch sie gereift zum Mann.

 

Mir selber ist von ihrem Lieben

Mein höchstes Lebensgut geblieben:

Daß ich zuweilen weinen kann.  

Nachdichtung: E. Geibel/H. Leutpold

Hektor und Achill (I)

Auch Alexander starb. Es starb der weise

Und zungenschnelle Sokrates. Der Held

Achill. Held Hektor auch. O grause Welt!

Die Kinder sterben und die grauen Greise.

 

Dem wird ein Scheiterhaufen aufgestellt,

Den schickt das Gift auf seine letzte Reise,

Und den das Schwert. Und keiner hats gewählt.

Verschieden ist der Weg, die Art und Weise,

 

Und gleich das Ziel. Dann schließen sich die Türen,

Die in das unbekannte Drüben führen,

Für immer zu. Und nie ward es vernommen,

 

Daß jemals einer wär zurückgekommen,

Um uns bestaubt und atemlos zu sagen,

Ob jetzt Achill und Hektor sich vertragen.  

Georg Britting


Gruß

Wo Ist der Schmerzenslaut, durchbohrt vom Nagel,

Wo ist Prometheus, der den Felsen stützte, trug?

Und wo der Geier, seine Krallen, die da jagen,

Sein gelbes Auge und sein finstrer Flug?

 

Tragödien - nie mehr, sie sind verstummt, uns fern,

Doch diese Lippen dringen vor auf ihrem Weg:

Zum Lastenträger Aischylos, bis in den Kern,

Und hin zu Sophokles, der Bäume schlägt.

 

Er ist der Hall, und Gruß, Signal, nein dies: der Pflug.

Aus Luft und Stein: Theaterrund der Zeiten

Stand auf - denn alle wollen sie sich sehen nun:

Geborene, die Abgrundnahen und - die ohne Tod hier

weiterschreiten.  

Ossip Mandelstam Übertragung: Ralph Dutli


Hoffnung

Es reden und träumen die Menschen viel

Von bessern künftigen Tagen,

Nach einem glücklichen goldenen Ziel

Sieht man sie rennen und jagen;

Die Welt wird alt und wird wieder jung,

Doch der Mensch hofft immer Verbesserung.

 

Die Hoffnung führt ihn ins Leben ein,

Sie umflattert den fröhlichen Knaben,

Den Jüngling locket ihr Zauberschein,

Sie wird mit dem Greis nicht begraben.

Denn beschließt er im Grabe den müden Lauf,

Noch am Grabe pflanzt er - die Hoffnung auf.

 

Es ist kein leerer schmeichelnder Wahn,

Erzeugt im Gehirne des Toren,

Im Herzen kündigt es laut sich an.

Zu was Besserm sind wir geboren!

Und was die innere Stimme spricht,

Das täuscht die hoffende Seele nicht.  

Friedrich v.Schiller


Die ewige Sehnsucht

gilt dir in Chang’ an.

 

Wenn im Herbste die Grillen

auf goldenem Brunnengeländer klagen,

der erste Reif frösteln macht

nachts auf der kalten Matte,

 

die einsame Lampe trübe flackert,

das Verlangen ins Unerträgliche wächst,

öffne den Vorhang ich, schau auf den Mond -

ein tiefer, vergeblicher Seufzer!

 

Die schön ist wie eine Blume,

weiß ich am anderen Ende der Wolken.

Oben des Himmels unendliches Blau,

unten des Wassers durchsichtige Wellen.

Ausladend der Himmel, weitläufig die Erde,

wie schwer wird der Seele ihr Flug!

Die Träume selbst tragen nicht

über die Berge und Pässe!

 

Die ewige Sehnsucht

bricht mir das Herz.  

Li Bo


SONNET  LXXII

O, lest the world should task you to recite

What merit lived in me, that you should love

After my death, dear love, forget me quite,

For you in me can nothing worthy prove;

Unless you would devise some virtuous lie,

To do more for me than mine own desert,

And hang more praise upon deceased I

Than niggard truth would willingly impart:

O, lest your true love may seem false in this

That you for love speak weIl of me untrue,

My name be buried where my body is,

And live no more to shame nor me nor you.

For I am shamed by that which I bring forth,

And so should you, to love things nothing worth.  

William Shakespeare

LXXII. Sonett  

O, daß die Welt dir nicht mit Fragen droht,

Welch ein Verdienst du in mir lieben können,

Vergiß mich, Lieber, ganz nach meinem Tod;

Denn nichts Vollkommnes kannst du an mir nennen:

Es wäre denn, daß fromme Lügen du

Erfändest, mehr als mein Verdienst ertrüge;

Mit Kränzen schmücktest meine Totentruh,

Die karge Wahrheit gern herunterschlüge.

O, daß nicht falsch dein wahres Lieben nun,

Wenn du nun Liebe lögest, wird erfunden,

Laß bei dem Leibe meinen Namen ruhn !

Uns beiden zum Gewinn sei er verschwunden.

Denn meine Früchte, sie beschämen mich;

Und so wär Tand zu lieben, Schmach für dich.


Lobgesang nach: Befiehl du deine Wege (1920)

I

Befiehl du deine Wege

Dem alles Helfen frommt

Der allertreuesten Pflege

Des, der wohl morgen kommt

Wer Wolken, Luft und Winden

Genug hat zugesehen

Der wird es leicht verwinden

Wenn sie ihm untergehen.  

2

Es kann dir nichts geschehen

Solang du bei dir bleibst

Im Guten und im Wehen

Dich niemals selbst entleibst

Und liegst du gleich im Dunkeln

So bleib bei dir die Nacht

Und red von Sternenfunkeln

Zu dir mit aller Macht.  

3

Es kann dir nichts geschehen

Solang du nicht entfliehst

Im Guten wie im Wehen

Den gleichen Himmel siehst

Und Wolken, Luft und Winden

Hast du ja nichts getan

Es wird sich niemand finden

Der dich verstoßen kann.  

Bertold Brecht


Breite und Tiefe  

Es glänzen viele in der Welt,

Sie wissen von allem zu sagen,

Und wo was reizet und wo was gefällt,

Man kann es bei ihnen erfragen;

Man dächte, hört man sie reden laut,

Sie hätten wirklich erobert die Braut.

 

Doch gehn sie aus der Welt ganz still,

Ihr Leben war verloren;

Wer etwas Treffliches leisten will,

Hätt gern was Großes geboren,

Der sammle still und unerschlafft

Im kleinsten Punkte die höchste Kraft.

 

Der Stamm erhebt sich in die Luft

Mit üppig prangenden Zweigen,

Die Blätter glänzen und hauchen Duft,

Doch können sie Früchte nicht zeugen;

Der Kern allein im schmalen Raum

Verbirgt den Stolz des Waldes, den Baum.  

Friedrich v. Schiller  


Am Ende  

Ich habe meine Zeit in heißer Angst verbracht:

Dies lebenslose Leben

Fällt, als ein Traum entweicht,

Wenn sich die Nacht begeben

Und nun der Mond erbleicht;

Doch mich hat dieser Traum nur schreckenvoll gemacht.

 

Was nutzt der hohe Stand? Der Tod sieht den nicht an.

Was nutzt mein Tun und Schreiben,

Das die geschwinde Zeit

Wird wie den Rauch zertreiben?

O Mensch, o Eitelkeit,

Was bist du als ein Strom, den niemand halten kann?

 

Jedoch was klag ich dir? Dir ist mein Leid erkannt.

Was will ich dir entdecken,

Was du viel besser weißt:

Die Schmerzen, die mich schrecken,

Die Wehmut, die mich beißt,

Und daß ich meinem Ziel mit Winseln zugerannt?  

Andreas Gryphius


Wir pflügen und wir streuen  

Wir pflügen und wir streuen

Den Samen auf das Land,

Doch Wachstum und Gedeihen

Steht in des Himmels Hand:

Der tut mit leisem Wehen

Sich mild und heimlich auf

Und träuft, wenn heim wir gehen,

Wuchs und Gedeihen drauf.

Alle gute Gabe

Kommt her von Gott, dem Herrn,

Drum dankt ihm, dankt

Und hofft auf ihn.

 

Er sendet Tau und Regen

Und Sonn- und Mondenschein

Und wickelt seinen Segen

Gar zart und künstlich ein

Und bringt ihn dann behende

In unser Feld und Brot:

Es geht durch unsre Hände,

Kommt aber her von Gott.

Alle gute Gabe

Kommt her von Gott dem Herrn,

Drum dankt ihm, dankt

Und hofft auf ihn.

 

Was nah ist und was ferne,

Von Gott kommt alles her,

Der Strohhalm und die Sterne,

Das Sandkorn und das Meer.

Von ihm sind Büsch und Blätter

Und Korn und Obst, von ihm

Das schöne Frühlingswetter

Und Schnee und Ungestüm.

Alle gute Gabe

Kommt her von Gott dein Herrn,

Drum dankt ihm, dankt

Und hofft auf ihn.

 

Er läßt die Sonn aufgehen,

Er stellt des Mondes Lauf;

Er läßt die Winde wehen

Und tut die Wolken auf.

Er schenkt uns so viel Freude,

Er macht uns frisch und rot;

Er gibt dem Viehe Weide

Und seinen Menschen Brot.

Alle gute Gabe

Kommt her von Gott dem Herrn,

Drum dankt ihm, dankt

Und hofft auf ihn.

Matthias Claudius


Anche gli alberi un tempo erano croci  

Anche gli alberi un tempo erano croci

Appesi ai rami dombra agonizzavano

i miei fratelli, il sole dentro gli occhi.

 

Perduta era dell'anima l'effigie

umana, sconosciuta ogni parola

d'amore era tra i simili, scomparso

tutto dell'uomo il seme e la misura.

 

Tutto passò in dilirio: la memoria,

torbido lago ove affluisce il cuore,

sarà specchio d'immagini e di nomi.

 

Torno a scoprire i morti ad uno ad uno,

incustodite ceneri, a ridire

il nome dei compagni come in una

segreta antologia.  

 EIio Filippo Accrocca

Auch die Bäume waren einmal Kreuze  

Auch die Bäume waren einmal Kreuze. An den Schattenzweigen

hängend, waren meine Brüder am Sterben, die Sonne in den Augen.

 

Verloren war der Seele menschliches Ebenbild, unbekannt war

jedes Liebeswort zwischen den Nächsten, verschwunden ganz des

Menschen Same und Maß.

 

Alles ging vorüber im Wahn: das Gedächtnis, ein trüber See, wo

das Herz hinströmt, wird Spiegel von Bildern und Namen sein.

 

Ich kehre zurück und entdecke die Toten einen um den andern,

unbewachte Asche, und sage die Namen der Genossen auf wie eine

geheime Anthologie.

Übertragung: Franco de Faveri/Regine Wganknecht


L'épitaphe  

J'ai vécu dans ces temps et depuis mille années

Je suis mort. Je vivais, non déchu mais traqué.

Toute noblesse humaine étant emprisonnée

J'étais libre parmi les esclaves masqués.

 

J'ai vécu dans ces temps et pourtant j'étais libre.

Je regardais le fleuve et la terre et le ciel

Tourner autour de moi, garder leur équilibre

Et les saisons fournir leurs oiseaux et leur miel.

 

Vous qui vivez qu'avez-vous fait de ces fortunes?

Regrettez-vous les temps où je me débattais?

Avez-vous cultivé pour des moissons communes?

Avez-vous enrichi la ville où j'habitais?

 

Vivants, ne craignez rien de moi, car je suis mort.

Rien ne survit de mon esprit ni de mon corps.  

Robert Desnos

Epitaph  

Ich bin der Tote, der durch jene Zeiten schritt.

Vor tausend Jahren. Aufrecht und gejagt.

Das Menschliche, von Mauern war‘s umragt.

Vermummte Sklaven rings - ich lebte mit.

 

In jenen Zeiten lebt ich - lebt ich frei.

Mein Auge sah die Erde, es sah zum Himmel auf,

ich sah, wie alles kreiste, ich sah den Wasserlauf.

Die Blüte gab den Honig, der Vogel zog vorbei.

 

Mit alledem, ihr Menschen, was fingt ihr damit an?

Die Zeit, in der ich's schwer hatt', tragt ihr sie noch im Sinn?

Sät ihr die Saat gemeinsam und erntet jedermann?

Ist sie durch euch jetzt schöner, die Stadt, aus der ich bin?

 

Ihr Lebenden, ich leb nicht, ihr braucht nicht bang zu sein.

Mein Leib, er lebt nicht weiter, mein Geist nicht, nichts, was mein.

Robert Desnos - Übertragung: Paul Celan


Ein Traum ist unser Leben  

Ein Traum, ein Traum ist unser Leben

Auf Erden hier.

Wie Schatten auf den Wolken schweben

Und schwinden wir.

Und messen unsre trägen Tritte

Nach Raum und Zeit;

Und sind (und wissen's nicht) in Mitte

Der Ewigkeit...    

Johann Gottfried Herder


Gib mir   

Gib mir

Den Blick

Auf das Bild

Unser Zeit

 

Gib mir

Worte

Es nachzubliden

 

Worte

Stark

Wie der Atem

Der Erde

Rose Ausländer


Du merkst nicht

 

Du spürst nicht

Dass der Schnee der Jahre

In dein Haar fällt

Und merkst nicht

Wie die Sonne

Deinen Weg verbrennt

 

Im Licht

Schwimmst du hinaus ins Meer

Verstehst dich mit Delphinen

Und merkst nicht

Dass das Wasser finster wird

 

Kommst zurück zur Erde

Die du liebst

Und merkst nicht dass sie

Weggewandert ist

Und du an ihrem Rand stehst

 

Du steigst hinauf

Zum schneebestirnten Gipfel

Bewunderst das Panorama

Unten das grüne Tal

Und merkst nicht

Dass ein Grab geschaufelt wird

Rose Ausländer


Ein Märchen

 

Ein Mensch wandert

Von Land zu Land

Van Stadt zu Stadt