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Selbstgespräch Hekuba: Steh
auf. Hoch
den Kopf. Widersetze
dich dem Wunsch liegen
zu bleiben und übe
dich in Geduld. Wenn
ich nur wüßte wozu... Troja
ist nicht mehr. Und
Fürstin von Troja - bist du nicht mehr. Traurige
Erinnerungen nützen nicht, übertrifft
doch die Gegenwart alles gewesene Unglück. Segle
mit dem Schicksalswind, nur ein
Tor schwimmt gegen den Strom. -
ich treibe. - Was
faselst du da? Gibt
es menschliches Leiden, das ich
noch nicht kenne? Was, kann
mir noch geraubt werden? Heimat,
Kinder und Mann Recht
und Würde - alles ist verloren. Verbrannt,
ermordet, geschändet. Die
Töchter entrechtet als Spielzeug
machttrunkener Griechen. Ich
kann nicht aufhören, muß mich wehren. (...) Wer
hört mein Schreien, und
wer mein Schweigen? Ich
bin nur noch klagender
Ruf. Versteinere wie
der Grund, auf dem du liegst. Tu
was du willst, die
Schmerzen bleiben. Taub
sind meine Glieder. Doch
ich bin kein Stein. Es
hämmern die Schläfen, es
pocht der Kopf. Die
Wirbel des geschundenen Rückens, könnt
ich sie strecken und
dehnen - wo
such ich Trost? Ich
rede zuviel, schweigen
ist nicht besser, als
reden. Und
weinen? Ich
habe keine Tränen mehr. Niemand
wird unshelfen. Das
End vor Augen habe
ich noch meine Stimme. Hört
mich wer? Ihr
schlanken Schiffe, wohin
zogt ihr vor zehn Jahren? Mit
kräftigen Rudern und geblähten Segeln pflügten
eure Kiele das purpurfarbene Meer getrieben
vom Racheschwur und
der Sehnsucht eines Mannes nach
seiner entlaufenen Frau stießen
eure gebogenen Schnäbel in
die Meeresbucht Trojas, bissen sich fest und
brachten den Tod. Helena
war der Name dieser Frau, er
bedeutet jetzt Krieg. Das
ist der Grund, warum
diese Stadt in Trümmern liegt, der
Grund, warum
ein ganzes Volk sterben mußte, der
Grund, warum
diese Frauen hier zu lebenden
Toten wurden und
ich verwüstet
und kahlgeschoren als
Kriegsgefangene unter ihnen. Das
alles um Eures Ruhmes willen? Auf ihr Frauen, Witwen,
Verlobte der Toten und Mädchen ohne Zukunft wir
wollen nicht schweigen. Klagt! Lobt
nicht länger unsere Götter. Euripides (Übertragung: Emmanuel Bohn) Klage
Uns
ist kein Sein vergönnt. Wir sind nur Strom, Wir
fließen willig allen Formen ein: Dem
Tag, der Nacht, der Höhle und dem Dom, Wir
gehn hindurch, uns treibt der Durst nach Sein. So
füllen Form um Form wir ohne Rast, Und
keine wird zur Heimat uns, zum Glück, zur Not, Stets
sind wir unterwegs, stets sind wir Gast, Uns
ruft nicht Feld noch Pflug, uns wächst kein Brot. Wir
wissen nicht, wie Gott es mit uns meint, Er
spielt mit uns, dem Ton in seiner Hand, Der
stumm und bildsam ist, nicht lacht noch weint, Der
wohl geknetet wird, doch nie gebrannt. Einmal
zu Stein erstarren! Einmal dauern! Danach
ist unsre Sehnsucht ewig rege, Und
bleibt doch ewig nur ein banges Schauern, Und
wird doch nie zur Rast auf unsrem Wege. Hermann
Hesse Lieder
von einer Insel Wenn
einer fortgeht, muß er den Hut mit
den Muscheln, die er sommerüber gesammelt
hat, ins Meer werfen und
fahren mit wehendem Haar, er
muß den Tisch, den er seiner Liebe deckte,
ins Meer stürzen, er
muß den Rest des Weins, der
im Glas blieb, ins Meer schütten, er
muß den Fischen sein Brot geben und
einen Tropfen Blut ins Meer mischen, er
muß sein Messer gut in die Wellen treiben und
seinen Schuh versenken, Herz,
Anker und Kreuz, und
fahren mit wehendem Haar! Dann
wird er wiederkommen. Wann? Frag
nicht. Ingeborg
Bachmann Klage Er
war mein Nord, mein Süd, mein
Ost und West, Meine
Arbeitswoche und
mein Sonntagsfest, Mein
Gespräch, mein Lied, mein
Tag, meine Nacht, Ich
dachte, Liebe währet ewig: Falsch
gedacht. Die
Sterne sind jetzt unerwünscht, löscht
jeden aus davon, Verhüllt
auch den Mon und
nieder reißt die Sonn', Fegt
die Wälder zusammen und
gießt aus den Ozean, Weil
nun nichts mehr je
wieder gut werden kann.« Haltet
alle Uhren an, laßt das Telefon abstellen, Hindert
den Hund daran, den
saftigen Knochen anzubellen, Klaviere
sollen schweigen, und
mit gedämpftem Trommelschlag, Laßt
die Trauernden nun kommen, tragt
heraus den Sarg. Laßt
Flugzeuge kreisen, klagend
im Abendrot, An
den Himmel schreibend die
Botschaft. Er ist tot; Laßt
um die weißen Hälse der Tauben Kreppschleifen
schlagen Und
Verkehrspolizei schwarze Baumwollhandschuh'
tragen. W.H.
Auden Anruf Die
Zeit ist ausgelöscht o
Herr mein
Wort das bitter kam und
finster Herr zu
finster für die Erde ausgelöscht
ist meine Qual mein
Hunger ausgetrunken und
mein Herz in Nächten die
zerpflügt sind mit
dem Pflug der Lieder die
Zeit ist ohne End' doch
voll der Träume Not die
mich nicht will auf
meinem Stein des Sterbens. Thomas Bernhard Combien faut-il de fois secouer mes grelots Et baiser ton front bas, morne Caricature? Pour piquer dans le but, de mystique nature, Combien, ô mon carquois, perdre javelots? Nous userons notre âme en de subtils complots, Et nous démolirons mainte lourde armature, Avant de contempler la grande Créature Dont l'infernal désir nous remplit de sanglots Il en est qui jamais n'ont connu leur Idole, Et ces sculpteurs damnés et marqués d'un affront, Qui vont se martelant la poitrine et le front, N'ont qu'un espoir, étrange et sombre Capitole! C'est que la Mort, planant comme un soleil nouveau, Fera s'épanouir les fleurs de leur cerveau! Charles
Baudelaire Der Tod der Künstler
Wie
lange werd ich fröstelnd beben müssen Und,
spottgestalt! die flache stirn dir küssen, Wie
viele pfeile fliehn aus meinen köchern Die
mystisch ferne scheibe zu durchlöchern? Wir
zehren unsre kraft in spitzen plänen, Wir
werden manche harte wehr zerhauen Eh
wir die große kreatur beschauen – Ihr
höllisches gelüst erzwingt uns tränen. So
manche fanden niemals ihr Idol, verwünschte
bildner die die schande geißelt Und
deren hand dir haupt und busen meißelt Mit
einer hoffnung, düstres kapitol, Daß
einst der Tod, ein neues tag-gestirn, Die
blumen sprießen läßt in ihrem hirn. Übertragung: Stefan George
Pleuro.
Da schwand mir das süße Leben, Ich
merkte, die Kraft sank, O!
Beim letzten Hauch elend brach ich in Tränen aus, So
holde Blüte lassend. Sie
sagen, der furchtbare Sohn
Amphitryons nur diesmal Habe
die Wimper benetzt, des leidgeprüften Mannes
Verhängnis bejammernd. Auch
Ihm im Wechsel Sagt'
er: “Der Menschen Bestes wäre nie geborn zu sein, Nie
Helios' Licht erblickt zu Haben.
Da aber kein Vorteil ist Dies
zu beklagen, Muß
man bereden, was zu erfüllen. - Gibt
es in den Gemächern Des
Aresfreunds Oineus Eine
Jungfrau noch von den Töchtern, Dir
an Gestalt gleich? Die
will zur heitern Gemahlin ich gern haben.” Ihm
der tapfere Schatten
erwiderte Meleagros': “Ich
ließ zurück mit blühendem Nacken Im
Hause Deianeira, Unkundig
noch der goldenen Kypris,
der menschenbezaubernden.” Weißarmige
Kalliope, Halte
den wohlgefügten Wagen Hier an. Auf Kronos' Sohn Sei
gesungen, den Olympischen, ersten der Götter, Den
unermüdlich strömenden Alpheus,
des Pelops Macht Und
Pisa, von wo der berühmte, Auf
Füßen siegende, im Lauf Kam
Pherenikos zum getürmten Syrakus, Dem
Hieron bringend Das
Glücksreis. Man
muß der Wahrheit zuliebe Loben,
den Neid mit beiden Händen
fernhaltend, Wenn
einer Glück hat der Sterblichen. Der
Boiotische Mann so sprach, der süßen Diener,
Hesiodos, Der
Musen: Wen die Unsterblichen ehren, dem Auch
der Sterblichen Ruhm folgt. - Ich
glaube gewiß, Daß
des Pfades rühmende Zunge zu Recht Sang
dem Hieron. Daher nämlich Die
Wurzeln sprießen des Glücks; Die
möge der Allvater Zeus
unerschütterlich in Frieden beschirmen. Bakchylides
von Keos übertragen von Curt Hohoff Traurigkeit
Die
mir noch gestern glühten, Sind
heut dem Tod geweiht, Blüten
fallen um Blüten Vom
Baum der Traurigkeit. Ich
seh sie fallen, fallen Wie
Schnee auf meinen Pfad, Die
Schritte nicht mehr hallen, Das
lange Schweigen naht. Der
Himmel hat nicht Sterne, Das
Herz nicht Liebe mehr, Es
schweigt die graue Ferne, Die
Welt ward alt und leer. Wer
kann sein Herz behüten In
dieser bösen Zeit? Es
fallen Blüten um Blüten Vom
Baum der Traurigkeit. Hermann
Hesse L'epitaphe
Villon
Freres humains qui après nous vivez, N'ayez les cuers contre nous endurcis, Car, se pitié de nous povres avez, Dieu en aura plus tost de vous mercis. Vous nous voiez cy attachez cinq, six: Quant de la chair, que trop avons nourrie, Elle est pieça devorée et pourrie, Et nous, les os, devenons cendre et pouldre. De nostre mal personne ne s'en rie; Mais priez Dieu que tous nous vueille absouldre! Se freres vous clamons, pas n'en devez Avoir desdaing, quoy que fusmes occis Par justice. Toutesfois, vous sçavez Que tous hommes , n‘ont pas bon sens rassi; Excusez nous, puis que sommes transsis, Envers le fils de la Vierge Marie, Que sa grace ne soit pour nous tarie, Nous preservant de l‘ifernale fouldre. Nous sommes mors, ame ne nous harie; Mais prie Dieu que tous nous vueille absouldre! François Villon Ballade von den
Gehenkten
Ihr
Menschenbrüder, die ihr nach uns lebt, verhärtet
euer Herz nicht gegen unsre Pein. Denn
wenn erbarmend ihr den Blick zu uns erhebt, wird
Gott euch desto eher gnädig sein. Hier
seht ihr uns gehenkt, zu sechst und siebt, und
unser Fleisch, zu wohlgenährt, zu sehr geliebt, ist
längst verfault, verwest und abgefallen schon. Zu
Staub und Asche modert unser dürr Gebein. Drum
spottet unser nicht, spart euern Hohn und
bittet Gott, er möge uns verzeihn. Wenn
wir euch Brüder heißen, zürnt uns bitte nicht. Ihr
seht im Wind uns baumeln hier am Hochgericht. So
wisset denn: es traf uns der verdiente Lohn. Gedenkt,
nicht jeder kann gesetzten Sinnes sein. Legt
Fürbitt ein für uns bei Gottes hehrem Sohn, daß
seine Huld und Gnade uns nicht sei verloren und
uns bewahre vor des Höllenpfuhles Pein. Tot
sind wir, und die Toten läßt man ungeschoren. Doch
bittet Gott, er möge uns verzeihn. Übertragung:
Walter Widmer So
still ich bin, All
Blut rinnt hin. Wie
weich umher. Nichts
weiß ich mehr. Mein
Herz noch klein; Starb
leis an Pein. War
blau und fromm! O
Himmel, komm. Ein
tiefer Schall - Nacht
überall. Else
Lasker-Schüler IN
WEITE Ferne gehen Hügel: Menschenköpfe, Mich
wird man nicht mehr sehn, ich werd verschwindend klein- Und
doch, in Kinderspielen, Büchern, zärtlichen Geschöpfen Werd
ich einst auferstehend sagen, daß die Sonne scheint. Ossip
Mandelstam Wahrheit Nicht
ob ich tot einst lieg auf ein königlich Lager gebettet, Kümmert
mich, sondern gewährt sei nur im Leben die Lust. Sanfter
auf Teppichen nicht als auf Stechkraut ruht der Gestorbne; Wenig
verschlägt es, ob hart oder ob weicher das Holz. Theognis
von Megara übertragen von Eduard Mörike Der
Tod wird kommen und deine Augen haben, dieser
Tod, der uns begleitet von
morgens bis abends, schlaflos, dumpf,
wie ein alter Gewissensbiß oder
ein törichtes Laster. Und deine Augen werden
ein leeres Wort sein, ein
verschwiegener Schrei, ein Schweigen. So
siehst du sie jeden Morgen, wenn
du dich über dich neigst, mit dir allein im
Spiegel. O teuere Hoffnung, an
jenem Tage werden auch wir es wissen, daß
du das Leben bist und das Nichts. Für
alle hat der Tod einen Blick. Der
Tod wird kommen und deine Augen haben. Das
wird sein wie das Ablegen eines Lasters, wie
wenn man ein totes Gesicht wieder
auftauchen sieht im Spiegel, oder
auf eine verschlossene Lippe horcht. Wir
werden stumm in den Strudel steigen. Cesare
Pavese When
to the sessions of sweet silent thought I
summon up remembrance of things past, I
sigh the lack of many a thing I sought, And
with old woes new wail my dear time's waste: Then
can I drown an eye, unused to flow For
precious friends hid in death's dateless night, And
weep afresh love's long since cancell'd woe, And
moan the expense of many a vanish'd sight: Then
can I grieve at grievances foregone, And
heavily from woe to woe teIl o'er The
sad account of fore-bemoaned moan, Which
I new pay as if not paid before. But
if the while I think in thee, dear friend, All
losses are restored and sorrows end. William
Shakespeare XXX.
Sonett Wenn
ich in schweigender Gedanken Rat Erinnrung
des Vergangnen traulich lade, Beseufzend
was entflohn mir nie mehr naht, Neu
klagend alte Weh'n versunkner Lebenspfade: Dann
netz' ich wohl versiechte Augenlider Um
teure Freund' in Todesnacht gehüllt; Es
weinen, längst erstickt, der Liebe Schmerzen wieder, Der
Gram um manch dahingeschwunden Bild. Dann
kann ich leiden um vergangnes Leid, Die
trübe Summe vorbeklagter Klagen Von
Weh zu Weh ziehn mit Betrübsamkeit, Sie
zahlend wie noch niemals abgetragen. Doch,
teurer Freund! gedenk' ich dein dabei, Ersetzt
ist alles, und ich atme frei. Erstorben
wirst du liegen Und
niemand wird dein denken, Niemand
zu allen Zeiten: Denn
nie hast du die Rosen Pieriens
berühret. Unscheinbar
wirst du müssen In
Todes Wohnung gehen, Und
niemand wird dich ansehn Im
Heer der dunkeln Schatten. Sappho von Mytilene übertragen von Johann Gottfried
Herder Elle était belle, si la Nuit Qui dort dans la sombre chapelle Où Michel-Ange a fait son lit, Immobile, peut être belle. Elle était bonne, s'il suffit Qu'en passant la main s'ouvre et donne, Sans que Dieu n'ait rien vu, rien dit, Si l'or sans pitié fait l'aumône. Elle pensait, si le vain bruit D'une voix douce et cadencée, Comme le ruisseau qui gémit. Peut faire croire à la pensée. Elle priait, si deux beaux yeux, Tantôt s'attachant à la terre, Tantôt se levant vers les cieux, Peuvent s'appeler la priére. Elle aurait souri, si la fleur Qui ne s'est point épanouie Alfred de Musset
Auf eine Todte
Ja,
sie war schön, wenn man die Nacht Schön
nennen kann in der Kapelle, Zu
deren kalter Marmorpracht Nie
dringen kann des Tages Helle, Ja,
sie war gut, wenn es genügt, Almosen
im Vorübereilen, Wie
es der Zufall eben fügt, Und
ohne Mitleid auszutheilen. Sie
dachte, - wenn wir bei dem Schall, Der
einer weichen Stimm entquollen Eintönig
wie des Bächleins Fall, Schon
an Gedanken glauben sollen. Sie
betete, wenn Beten heißt: Daß
sich zwei schöne Augensterne Bald
niedersenken wie verwaist, Bald
heben zu der Himmelsferne. Gelächelt
hätte sie - wenn Duft Aus
Blumen, die sich nie erschlossen, Nachdichtung: Otto Baisch Abschied
vom Grabe des Fang Guan Einsam
das Grab, an dem das Pferd gezügelt in
fremdem Land: denn wieder heißt es scheiden. Von
frischen Tränen bleibt kein Fleck verschont, im
niedern Himmel Wolkenfetzen treiben. Der
einst mit einem Xie An Schach gespielt, bringt
einem Xu Jun das begehrte Schwert: allein
er sieht des Haines Blüten fallen, Pirole
er zum Abschied zwitschern hört. Du Fu Wie
wird nun alles so stille wieder! So
war mirs oft in der Kinderzeit, Die
Bäche gehen rauschend nieder Durch
die dämmende Einsamkeit, Kaum
noch hört man einen Hirten singen, Aus
allen Dörfern, Schluchten weit Die
Abendglocken herüberklingen, Versunken
nun mit Lust und Leid Die
Täler, die noch einmal blitzen, Nur
hinter dem stillen Walde weit Noch
Abendröte an den Bergesspitzen Wie
Morgenrot der Ewigkeit. Joseph
v. Eichendorff Mit
den lieben Händen zu! Geht
doch alles, was ich leide, Unter
deiner Hand zur Ruh. Und
wie leise sich der Schmerz Well
um Welle schlafen leget, Wie
der letzte Schlag sich reget, Füllest
du mein ganzes Herz. Theodor
Storm un
Kaffe jekocht un de Töppe rübajeschohm - un
jewischt und jenäht un
jemacht und jedreht... alles
mit deine Hände. Hast
de Milch zujedeckt, uns
Bonbongs zujesteckt un
Zeitungen ausjetragn - hast
die Hemden jezählt und
Kartoffeln jeschält... alles
mit deine Hände. Hast uns manches Mal bei
jroßen Schkandal auch'n
Katzenkopp jejeben. Hast
uns hochjebracht. Wir
wahn Stricker acht sechse
sind noch am Leben... alles
mit deine Hände. Heiß
warn se un kalt Nu
sind se alt nu
bist du bald am Ende. Da
stehn wa nu hier, und
denn komm wir bei dir und
streicheln deine Hände. Kurt
Tucholsky Wie
dunkel sind deine Schläfen Letzte
Wache Und
deine Hände so schwer, Bist
du schon weit von dannen Und
hörst mich nicht mehr? Unter
dem flackernden Lichte Bist
du so traurig und alt, Und
deine Lippen sind grausam In
ewiger Starre gekrallt. Morgen
schon ist hier das Schweigen, Und
vielleicht in der Luft Noch
das Rascheln der Kränze Und
ein verwesender Duft. Aber
die Nächte werden Leerer
nun, Jahr um Jahr, Hier,
wo dein Haupt lag und leise Immer
dein Atem war. Georg
Heym Ich
kann es nicht vergessen XXXVII. Ich
kann es nicht vergessen, Geliebtes,
holdes Weib, Daß
ich dich einst besessen, Die
Seele und den Leib. Den
Leib möcht ich noch haben, Den
Leib so zart und jung; Die
Seele könnt ihr begraben, Hab‘
selber Seele genug. Ich
will meine Seele zerschneiden, Und
hauchen die Hälfte dir ein, Und
will dich umschlingen, wir müssen Ganz
Leib und Seele seyn. Heinrich
Heine WIE
KANN ich die Tote, die Frau nun noch loben? Sie
steht dort in Fremdheit, ist Macht ... Ins
Grab, in ein warmes, gewaltsam gezogen Von
seltener Liebe und Kraft. Gerundete
Brauen, beharrlich: zwei Schwalben - Die
flogen vom Sarg her zu mir: Zu
lang schon hätt man sie dort oben gehalten Im
kalten Stockholmer Quartier. Die
Geige der Väter: der Stolz deiner Sippe – Ihr
Hals gab sein Schönsein dir hin, Du
öffnetest lachend die zierlichen Lippen, Italisches,
russisches Kind. Dein
lastendes Bild will ich immer bewahren, Du
Bärenkind, Wildling, Mignon - Doch
Mühlen im Schnee werden Winter erfahren, Vereist
ist dein Horn, Postillion. Ossip
Mandelstam Übertragung: Ralph Dutli In den Büchern
sterben
Name,
Vorname Klammer
auf Das
Geburtsjahr, Strich, das Todesjahr, aus Klammer
zu. Nun
ist er in den Büchern ein Name, ein Vorname In
Klammern sein Geburts- und Todesjahr. Gegen
Ende der Seite oder etwas weiter unten Seine
Werke, Erscheinungsjahre Eine
kurze, lange Liste. Wie
Vögel im Todeskampf die Buchtitel in euren Händen. Der
Strich zwischen den beiden Klammern Er
bedeutet alles Seine
Hoffnung, seine Angst, seine Tränen, seine Freude Er
bedeutet alles. Nun
ist er in den Büchern Gefangen
durch einen Strich; Lebt
er noch: er kann sich nicht wehren, Sie
können ihn töten. Çet Necatigil
Übertragung: Yüksel Pazarka Des Todes Boten All
die Gedankenlosen, die nicht sorgen, Zu
welcher Zeit des Todes Boten kommen, Müssen
in niederer Verkörperung Lange
die Qual der Leiden fühlen. Die
jedoch gut und heilig sind, Betragen
sich nicht gedankenlos, Wenn
des Todes Boten erscheinen, Beachten,
was die Hohe Lehre sagt, und
sehn, erschreckt, in der Verhaftung Die
ew'ge Quelle von Geburt und Tod, Befrein
sich selbst von diesem Hang Und
tilgen so Geburt und Tod. Sicher
und glücklich ruhen sie. Entlassen
aus der flutenden Schau, Entbunden
aller Sünd' und Furcht; sie
sind nun alles Elends bloß. Vergeblich Gering
ist der Menschen Macht, erfolglos ihr Streben, in Knappem
Dasein Mühsal um Mühsal, U |