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Das
Buch des Lebenden
Israels
Licht ist ein Schrei ins Unendliche Die Gitter sind von fern zu sehn. Das Raus mit seinem Dach, welches gefürchtet ist bei den Wolken wegen seiner falschen Wolkenhaftigkeit und seiner geschlossenen Türen und Fenster, beherrscht den Pfad der Verrückten, den niemand mehr einschlägt. -Ist diese Verrückte, fragt Sarah, wirklich tot? -Der Schrei, den du horst, ist der der Eule. Kehren wir nach Haus zurück? Es ist schon spät. -Die Frauen im Dort bekreuzten sich. Die Männer verharrten in Schweigen, bis der Schrei identifiziert war und sie mit den Schultern gezuckt hatten. -Schon wieder fängt sie an. -Schon wieder fängt sie an. Die Gitter sind von fern zu sehn. Sie sind bebluht. Die Jahreszeiten werden geboren und sterben in der Erde. -Da fängt sie wieder an, sagt Léonie Lull, und wendet den Kopf zum Hügel hin. Da fängt sie wieder an. Ich höre sie sogar im Schlaf. -Selbst wenn sie nicht schreit, höre ich sie, sagt Mathilde Meyvis. Das Haus der Verrückten schlummert in der von Ammenhänden geschaukelten Wiege. Das Haus der Verrückten schaukelt in den vom Laub verhüIlten Bäumen. Die Hände mussen abgehackt, die Bäume umgesägt werden, um das Haus der Verrückten in seiner Wiege zu zerstören. Man muss sie aufwecken. Das Wasser, auf dem man sich treiben lässt, das Wasser, dem man sich überlässt, ist das Wasser des Schlafs. Das Wasser, in dem man sich wächt, das Wasser, gegen das man ankämpft, ist das Wasser des Wachens. Den Schlaf der Verrükten hät der Wahnsinn wach, doch niemals wird er ihn wecken. Die Verrükte schlät und wechselt den Ort, macht Gesten und schläft; -lässt ihren Schlaf Gesten vollführen -redet und schläft; -lässt den Schlaf reden. -Da fängt sie wieder an. -Da fàngt sie wieder an. -Ist diese Verrùckte, fragt Sarah, wirklich tot? -Wie der Schatten vom Licht, so wird die Seele vom Schrei durchbohrt”, schrieb Reb Seriel. Und Reb Lollel: “Die judische Seele ist der zerbrechliche Schrein eines Schreis.” Den Schlaf der Verrückten halt der Wahnsinn wach, doch niemals wird er ihn wecken. -Ist diese Eule, fragt Sarah, wirklich ich? -Der Schrei, den du hörst, ist der der Eule. Kehren wir nach Haus zurück ? Es ist schon spät. -Ich höre den Schrei nicht, sagt Sarah. Ich bin der Schrei. (Das Leben einer oder zweier Generationen von Menschen kann enthalten sein in einem Satz oder auf zwei Seiten; die Hauptlinien von vier besonderen oder alltäglichen Existenzen: »Er ist geboren in. ..Er ist gestorben in. .. Ja. Aber zwischen dem Schrei des Lebens und dem Schrei des Tods? »Er ist geboren in. .. Er ist unverdientermassen beschimpft worden. ..Man hat ihn nicht verstanden. ..Er ist gestorben in... Ja. Aber was noch? »Er ist geboren in. ..Er hat sich gesucht in den Büchern. ..Er hat sich verheiratet. ..Er hat einen Sohn bekommen. ..Er ist gestorben in. ..Ja, ja, aberwas noch? »Er ist geboren am... Er hat die Bücher aufgegeben ...Er glaubte, in seinem Sohn zu überleben. ..Er ist gestorben am... Ja, aber was noch? »Er war klein, von gedrungener Gestalt. ..Er hatte eine Kindheit und ein Alter... Er nannte sich Salomon Schwall.... Ja, ja, und was noch? »Er hiess Salomon Schwall. ..Er erinnert sich an seine Kindheit nicht. ..Er hat seine Insel verlassen. ..Er ist nach Portugal gezogen. ..Seine Frau hiess Léonie:.. Ja, ja, und was noch? .Er hat sich mit seiner Frau im Süden Frankreichs niedergelassen... Er war Antiquitatenhandler. ..Man nannte ihn den Juden ...Man nannte seine Frau und seinen Sohn die Frau und den Sohn des Juden. .Ja. aber was noch? Er istgestorben, und auch seine Frau ist tot. ..Man hat sie beigesetzt in einer Erde, die ihren Namen nicht kannte, unweit von ein paar Kreuzen. ...Ja, aber was noch? Sein Sohn war Franzose. ..Er hat für Frankreich den Krieg mitgemacht. ..Er ist ausge-zeichnet worden. ...Ja, ja, aber was noch? .Er hat den Krieg bei der Infanterie mitgemacht. ..ist verwundet. ..ausgezeichnet worden. ...Ja, ja, aber was noch? .Man hat ihn stets den Juden genannt. ..Er hat sich mit Rébecca Sion verheiratet, die er in Kairo kennengelernt haite ...Er kehrte mit ihr nach Frankreich zurück Ja, aber was noch? .Er wurde Händler im Gedenken an seinen Vater. ..Er hatte Gegenstände aller Art von seinen Reisen mitgebracht. ..Masken aus Ozeanien und Afrika. ..Fayencen und harte Steine aus China, Elfenbeinobjekte aus Japan. ...Ja, ja, aber was noch? Er hatte eine Tochter, Sarah. ...Ja, aber was noch? .Man hat ihn stets den Juden( genannt, und seine Frau und seine Tochter ;die Frau und die Tochter des Juden. .Ja,ja, aber was noch? .Er hatte seinen Glauben verloren. ..Er wusste nicht mehr wer er war. ..Er war Franzose ...Ordensträger. ..Seine Frau und seine Tochter waren Französinnen. ...Ja, aber was noch? .Gelegentlich hat er in der Öffentlichkeit das Wort ergriffen, um den Rassismus anzuprangern, um für die Menschenrechte einzutreten. ...Ja, ja, aberwas noch? Gestorben ist er in einer Gaskammer ausserhalb Frankreichs. ..und seine Frau ist ausserhalb Frankreichs in einer Gaskammer gestorben. ..und seine Tochtel; die den Verstand verloren hatte, ist nach Frankreich zurückgekehrt. ... Das Haus der Verrückten schlummert in der von Ammenhänden geschaukelten Wiege. Das Haus der Verrückten schaukelt in den vom Laub verhüllten Bäumen. Die Hände mussen abgehackt, die Bäume umgesägt werden, um das Haus der Verrückten in ihrer Wiege zu zerstören. Man muss sie aufwecken. “Das eigene Leben erkennt man nur für sich allein, sagte Moïse Schwall, und dieses Leben ist ein Hauch.” -Die Eule, die gegen den Wind heult, fragt Sarah, bin ich das, Yukel, bin ich's? Die Eule gegen den Wind, die Eule für den Wind? Bin ich das, Yukel, bin ich's? Der Wind, der meine Schreie wegfegt, meine Schreie, die den Wind aufreizen? . Hast du gesehen, wie ein Wort geboren wird und stirbt? Hast du gesehen, wie zwei Namen geboren werden und sterben? Fortan bin ich allein. Das Wort ist ein Königreich. Einem jeden Buchstaben kommt sein eigener Stand, sein Grund und Boden und sein Rang zu. Der erste hat die grösste Macht; Macht der Faszination, der Obsession. Ihm wächst die All-Macht zu. Sarah. Yukel. Vereinigte Königreiche, schuldfreie Welträume, welche das Alphabet sich unterwofen und dann, durch die Hände der Menschen, zerstört hat. Ihr habt euer Königreich verloren. Ich habe mein Königreich verloren, so wie meine Brüder es verloren haben, welche allüberall zerstreut sind in einer Welt, die satt geworden ist kraf t ihrer Zerstreuung. Hast du gesehen, wie ein Königreich entsteht und vergeht? Hast du gesehen, wie ein Buch entsteht und vergeht? Edmond
Jabès: Vom Buch zum Buch p.
63-66 Beuys |
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canandanann 26-08-2010
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